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Belgien, amtlich Königreich Belgien (französisch Royaume de Belgique; niederländisch Koninkrijk België), konstitutionelle Monarchie im Westen Europas.
Belgien grenzt im Norden an die Niederlande, im Osten an Deutschland, im Südosten an Luxemburg, im Süden und Westen an Frankreich und im Nordwesten an die Nordsee. Die Niederlande, Luxemburg und Belgien bilden zusammen die Beneluxstaaten (BENELUX: Belgien, Niederlande, Luxemburg). Das Land hat eine Fläche von 30 528 Quadratkilometern. Hauptstadt und gleichzeitig größte Stadt des Landes ist Brüssel.
Belgien gliedert sich in drei Regionen: das flandrische Tiefland entlang der 66 Kilometer langen Nordseeküste (Niederbelgien), das Hügelland in der Landesmitte (Mittelbelgien) und die Mittelgebirgshöhen der Ardennen (Hochbelgien).
Das flandrische Tiefland erstreckt sich im Nordwesten von der Küste bis maximal rund 50 Kilometer in das Landesinnere. Das Gebiet wird hauptsächlich von Dünen und Poldern bedeckt; die Polder wurden überwiegend zwischen dem 13. und dem 15. Jahrhundert angelegt. Das auf diese Weise dem Meer abgerungene Land macht etwa 10 Prozent der Landesfläche Belgiens aus. Dieses von Kanälen durchzogene Gebiet wird als Weideland genutzt und schwankt in der Höhe zwischen zehn und 30 Metern über dem Meeresspiegel.
Das flachwellige Hügelland Mittelbelgiens wird von der Schelde und ihren Nebenflüssen entwässert und ist von breiten Tälern mit fruchtbarem Schwemmland durchzogen. In diesem Gebiet befinden sich zahlreiche Höhlen, Grotten und Schluchten.
Die Ardennen, ein dicht bewaldetes Mittelgebirge mit einer durchschnittlichen Höhe von 490 Metern, erstrecken sich über den Südosten Belgiens bis nach Luxemburg und in die nordöstlichen Landesteile von Frankreich. Hier befindet sich der Botrange, mit 694 Metern die höchste Erhebung Belgiens. Das Hochland ist für die Landwirtschaft kaum geeignet.
Die längsten Flüsse Belgiens sind die Schelde und die Maas. Beide Flüsse entspringen in Frankreich und sind in Belgien über weite Strecken schiffbar. An der Schelde, die den stärksten Schiffsverkehr hat, liegen die Hafenstädte Antwerpen, Brüssel und Gent. Die längsten Nebenflüsse der Schelde sind Lys, Dender, Senne und Rupel. Sambre und Ourthe sind die längsten Nebenflüsse der Maas.
In der Küstenregion ist das Klima ozeanisch mit relativ kühlen Sommern und milden Wintern. Weiter im Landesinneren, und damit von den mäßigenden maritimen Einflüssen entfernt, herrschen größere Temperaturschwankungen vor. In den Ardennen sind die Winter vergleichsweise kalt. Hohe Niederschlagsmengen verzeichnen fast ausschließlich die höher gelegenen Landesteile. Die niederschlagsreichsten Monate sind der April und der November. Die mittlere Jahrestemperatur in Brüssel liegt bei 10 °C, im Januar beträgt die mittlere Temperatur 2,2 °C, im Juli 17,8 °C. Der durchschnittliche Jahresniederschlag liegt in tieferen Lagen bei 699 Millimetern; in den Ardennen werden bis zu 1 500 Millimeter erreicht.
Auf sandigen Böden gedeihen Dünengräser, Heiden oder Kiefernwälder, diese wurden zumeist im Rahmen von Wiederaufforstungsmaßnahmen gepflanzt. Auf lehmigem Untergrund dominieren Eichen, Buchen und Ulmen. Im Hohen Venn, einem Bergland im Osten des Landes, gibt es aufgrund undurchlässiger Tonböden Hochmoore. Viele Tierarten sind für die mitteleuropäische Fauna typisch. Zu den Raubtieren gehören Rotfuchs, Dachs, Fischotter und andere Marderarten, in den Ardennen leben noch Wildkatzen. Paarhufer sind Rehe, Rot- und Damhirsche. Etwa 600 Quadratkilometer des Landes stehen unter Naturschutz.
Belgien hat etwa 10,3 Millionen Einwohner (2004). Die Bevölkerungsdichte ist mit 342 Einwohnern pro Quadratkilometer eine der höchsten Europas. Am dichtesten besiedelt sind die Industriezentren Brüssel, Antwerpen, Lüttich und Gent sowie die Industrieregion zwischen Mons und Charleroi. Die mittlere Lebenserwartung liegt für Männer bei 75,3 und für Frauen bei 81,8 Jahren (2004). Das jährliche Wachstum der Bevölkerung beläuft sich auf rund 0,2 Prozent.
Die Bevölkerung Belgiens setzt sich aus 56 Prozent Niederländisch sprechenden, überwiegend im Norden des Landes (Flandern) lebenden Flamen, 34 Prozent Französisch sprechenden, vor allem im südlichen Belgien (Wallonien) lebenden Wallonen, einer deutschsprachigen Minderheit von einem Prozent östlich von Lüttich und etwa 9 Prozent Zuwanderern zusammen. Zwischen Flamen, die sich kulturell an den Niederlanden orientieren, und Wallonen, die auf die französische Kultur ausgerichtet sind, kam es immer wieder zu sozialen und politischen Konflikten, die auch in der Gegenwart nicht ausgeräumt sind und die belgische Gesellschaft spalten.
Die Urbanisierungsrate ist sehr hoch; insgesamt leben fast 97 Prozent aller Belgier in Städten (2002). Zu den bedeutendsten Städten Belgiens gehören die Hauptstadt Brüssel mit etwa 1,14 Millionen Einwohnern (2000; einschließlich Vororten), Antwerpen (452 000), Gent (228 000), Charleroi (200 000) und Lüttich (184 000).
Seit 1963 gibt es in Belgien drei Amtssprachen: Niederländisch im Norden (Flandern), Französisch im Süden (Wallonien) und Deutsch entlang der östlichen Landesgrenze. In der Hauptstadt Brüssel ist sowohl Französisch als auch Niederländisch Amtssprache, die Mehrheit spricht jedoch Französisch. 1971 verschaffte eine Verfassungsänderung diesen drei Sprachgemeinschaften politische Anerkennung und garantierte ihnen kulturelle Autonomie. Eine dreistufige Reform, die in den späten achtziger Jahren begonnen hatte, sollte die finanzielle Autonomie der drei Sprachgemeinden verbessern.
Etwa 90 Prozent der belgischen Bevölkerung gehören der römisch-katholischen Kirche an. Daneben gibt es protestantische Glaubensgemeinschaften und Anhänger des jüdischen Glaubens. Die Religionsfreiheit ist verfassungsrechtlich verankert; die Gehälter der Geistlichen werden zum Teil vom Staat bezahlt.
Die gesetzlichen Feiertage sind Neujahr (1. Januar), Tag der Arbeit (1. Mai), Nationalfeiertag (21. Juli), Mariä Himmelfahrt (15. August), Allerheiligen (1. November), Jahrestag des Waffenstillstandes von 1914 und 1945 (11. November), 1. und 2. Weihnachtsfeiertag (25. und 26. Dezember). Daneben sind auch Ostermontag, Christi Himmelfahrt und Pfingstmontag gesetzliche Feiertage. Ein inoffizieller Feiertag ist der Sint Maartens Dag (11. November, Martinstag), bei dem es sich um einen gesamtbelgischen Feiertag handelt. Flandern besitzt einen eigenen Feiertag am 11. Juli und Wallonien am 27. September. Volksfeste haben in Belgien einen sehr wichtigen Stellenwert. Eines der bekanntesten ist das dreitägige Karnevalsfest vor der Fastenzeit in Binche, nahe Mons.
Für Leistungen im Krankheitsfall sind Fürsorgeämter zuständig, die sich in jeder Gemeinde befinden. Diese Ämter übernehmen die Kosten für Privatkliniken für mittellose Patienten, verwalten öffentliche Krankenhäuser und organisieren Krankenpflege und Ambulanzen.
Die Sozialversicherung basiert auf einem Gesetz von 1944 und gilt für alle Arbeitnehmer mit einem Arbeitsvertrag. Das Nationale Zentralbüro für Sozialversicherungen zieht den Arbeitgeber- und den Arbeitnehmeranteil für die Familien-, Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung ein und verteilt die Gelder an die entsprechenden Stellen.
Es besteht eine allgemeine Schulpflicht von 13 Jahren (2000), der Schulbesuch ist kostenlos. Das Schulsystem gliedert sich in einen sechsjährigen Primarunterricht und den Sekundarunterricht, der drei je zweijährige Unterrichtszyklen umfasst. Seit 1959 gibt es auch Schulen mit kirchlicher Trägerschaft. Gemäß dem Gesetz von 1963 wird der Unterricht in der Sprache der entsprechenden Region abgehalten. In Brüssel werden die Schüler nach ihrer Muttersprache in getrennten Klassen unterrichtet.
Die älteste Universität Belgiens ist die 1425 gegründete Katholische Universität Löwen. 1970 wurde sie in zwei unabhängige Universitäten geteilt, eine mit Französisch als Unterrichtssprache, die andere mit Niederländisch. Weitere bedeutende Universitäten befinden sich in Gent (gegründet 1817, Unterrichtssprache Niederländisch) und Lüttich (gegründet 1817, Unterrichtssprache Französisch), die Freie Universität Brüssel wurde 1834 unter der neu gebildeten belgischen Regierung eröffnet. 1965 entstanden in Mons und Antwerpen staatliche Universitäten. 1970 wurde die Freie Universität Brüssel ebenfalls in zwei unabhängige Institutionen mit getrennten Unterrichtssprachen geteilt.
In Antwerpen, Brüssel, Gent, Lüttich und Mons gibt es jeweils eine Königliche Akademie der Schönen Künste und ein Königliches Musikkonservatorium. Staatliche Landwirtschaftshochschulen befinden sich in Gent und Gembloux-sur-Orneau. In Belgien sind etwa 250 000 Studenten immatrikuliert.
In allen größeren Städten gibt es Fach- und allgemeine Bibliotheken. Nationalbibliothek und größte Sammlung von Nachschlagewerken ist die Bibliothèque Royale Albert I. (gegründet 1837) in Brüssel. Weitere umfangreiche Universitätsbibliotheken existieren in Gent, Lüttich und Löwen.
Das Königliche Museum der Schönen Künste (1890) in Antwerpen ist für seine Sammlung von Werken des flämischen Malers Peter Paul Rubens berühmt. Im Königlichen Museum der Schönen Künste Belgiens (1830) in Brüssel befinden sich eine Kunstsammlung mit Werken aus verschiedenen Epochen, ein Konzertsaal und ein Kino.
Im Mittelalter markierte der französisch-burgundische Diplomat Philippe de Comines mit seinen Mémoires (Erstdruck 1524) den Beginn der neuzeitlichen politischen Geschichtsschreibung. Charles de Coster verfasste mit La légende et les aventures héroïques, joyeuses et glorieuses de Thyl Uhlenspiegel et de Lamme Goedzak au pays de Flandres et ailleurs (1867; Tyll Uhlenspiegel und Lamm Goedzak. Legende von ihren heroischen, lustigen und ruhmreichen Abenteuern im Land der Flandern und andern Orts) ein Meisterwerk der belgischen Literatur. Der vom Naturalismus beeinflusste Schriftsteller Camille Lemonnier (Happe-chair, 1886; Der eiserne Moloch) ebnete der Literatur der Bewegung des so genannten Jungen Belgien den Weg, dessen zentraler Vertreter Émile Verhaeren zudem als bedeutendster belgischer Lyriker der Moderne gilt. Hendrik Conscience avancierte zum Erneuerer der flämischen Literatur. Maurice Maeterlinck, der 1911 den Nobelpreis für Literatur erhielt, prägte das symbolistische Theater nachhaltig. Der bedeutende französische Surrealist Henri Michaux war belgischer Herkunft. Einer der bekanntesten belgischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts ist Georges Simenon, der mit seinen Kriminalromanen um den Kommissar Maigret Weltruhm erlangte.
Ein bedeutender flämischer Bildhauer der Zeit um 1400 war Claus Sluter mit seinem Mosesbrunnen (1395-1406). Zu den bedeutendsten flämischen Malern des 15. und 16. Jahrhunderts gehören der herausragende Altarbild- und Porträtmaler Hans Memling, Jan van Eyck, Wegbereiter der spätgotischen Malerei, Rogier van der Weiden, der stilbildend auf seine Nachfolger wirkte, Mabuse, der Meister der Tiermalerei Frans Snijders und – in der Nachfolge von Hieronymus Bosch mit seinen apokalyptischen Landschaften – Pieter Bruegel der Jüngere, genannt Höllenbruegel. Im 17. Jahrhundert entstanden die Werke des Malers und Kupferstechers Jan Fyt, von Peter Paul Rubens und Sir Anthonis van Dyck, dem größten flämischen Porträtisten der Aristokratie. Jacob Jordaens gilt neben Rubens als herausragendster Vertreter des flämischen Barock, an dessen Schwelle der Spätmanierist Carel van Mander stand. Alfred Stevens wurde vor allem durch seine Genremalerei bekannt, wobei er sich auf Vorbilder aus dem 15. bzw. 17. Jahrhundert berufen konnte, namentlich auf Petrus Christus und David Teniers. International berühmte Künstler des 20. Jahrhunderts sind James Ensor und Frans Masereel mit seinen Holzschnitten sowie die Surrealisten Paul Delvaux und René Magritte. Pierre Alechinsky wurde vor allem durch eine traumhaft-automatisch wirkende Bildersprache bekannt.
Im 16. Und 17. Jahrhundert waren die Musterbücher des flämischen Baumeisters Hans Vredeman de Vries mit Architektur- und Perspektivdarstellungen, Ornamenten, Gartenentwürfen und Möbelvorlagen in vielen Auflagen und Übersetzungen in den Niederlanden und Deutschland, in Skandinavien und England weit verbreitet. Victor Horta gilt gemeinhin als einer der führenden Vertreter des architektonischen Art Noveau bzw. Jugendstils; seine innovativen Ideen spiegelt bereits sein erstes Hauptwerk, das Hôtel Tassel in Brüssel (entworfen 1892), wider. Weitere Gebäude Hortas in Belgien sind bzw. waren das Parteigebäude der belgischen Sozialisten Maison du Peuple (1899 fertig gestellt; 1964 zerstört) mit seiner Glas- und Eisenfassade, das Palais des Beaux-Arts (1922-1928) in Brüssel und der dortige Bahnhof (1936-1941). Ein weiterer herausragender Vertreter des belgischen Jugendstils war der Architekt und Designer Henri van de Velde. Sein eigenes Wohnhaus in der Nähe von Brüssel (1895) legt hiervon beredtes Zeugnis ab.
Staatliche Radio- und Fernsehsender in Belgien strahlen ihre Programme sowohl in französischer als auch in niederländischer Sprache aus. Die Kosten werden über eine Rundfunk- und Fernsehgebühr gedeckt. Daneben gibt es eine Vielzahl von Privatsendern. Über ein ausgedehntes Kabelnetz können Radio- und Fernsehsendungen aus dem Ausland empfangen werden (u. a. französische, luxemburgische, niederländische, deutsche, britische und italienische Programme). In Belgien werden 30 Tageszeitungen vertrieben, etwa zwei Drittel erscheinen in französischer Sprache.
Belgien ist eine konstitutionelle Monarchie. Staatsoberhaupt ist der König, der vorwiegend repräsentative Funktion hat. Die belgische Verfassung wurde 1831 verabschiedet und 1893, 1921, 1970, 1971, 1980, 1989 und letztmals 1993 geändert. 1970 wurden zahlreiche Reformen zur Beilegung des Sprachenstreits durchgeführt; dabei wurde auch eine neue Verwaltungsgliederung beschlossen. Viele Befugnisse liegen bei den drei Regionen Flandern, Wallonien und Brüssel.
Die Exekutive liegt beim Monarchen, der den Ministerpräsidenten, die Minister und die Richter ernennt. Der Monarch ist Oberbefehlshaber der Armee. Zu seinen Rechten gehören darüber hinaus die Einberufung und Auflösung des Parlaments, die Verleihung von Adelstiteln und die Bewilligung von Gnadengesuchen. Jeder königliche Akt muss von einem Minister gegengezeichnet werden, der dafür dem Parlament gegenüber verantwortlich ist. Es ist die Pflicht des Monarchen, ein Kabinett zu vereidigen, das den Mehrheitsverhältnissen im Parlament entspricht.
Die Legislative liegt beim Parlament, das aus dem Senat (Sénat, Senaat) und dem Abgeordnetenhaus (Chambre des Représentants, Kamer van Volksvertegenwoordigers) besteht. Der Senat hat 71 Mitglieder, von denen 40 direkt gewählt und 31 größtenteils durch die Regionalparlamente ernannt werden. Die Legislaturperiode der Senatsmitglieder beträgt vier Jahre. Das Abgeordnetenhaus setzt sich aus 150 Mitgliedern zusammen, die durch freie Wahlen für eine Amtszeit von vier Jahren gewählt werden. Ab dem 18. Lebensjahr besteht Wahlpflicht.
Die belgische Verfassung schreibt ein unabhängiges Rechtswesen vor. Das Zivilrecht beruht im Wesentlichen auf dem französischen Code Napoléon. Die höchsten Gerichte Belgiens sind der Oberste Kassationshof und fünf Zivil- und Strafappellationsgerichtshöfe. Auf der nächsten Stufe stehen die fünf Berufungsgerichte in Antwerpen, Brüssel, Gent, Lüttich und Mons sowie fünf Arbeitsgerichtshöfe. Daneben gibt es Bezirksgerichte und Friedensgerichte. Das Schwurgericht nimmt sowohl zivil- als auch strafrechtliche Fälle an. Das Urteil wird in allen Fällen mit der Mehrheit von zwölf Geschworenen gefällt. 1989 wurde ein Sondergericht eingeführt, um die Verfassungskonflikte zu klären, die sich aus der Machtverschiebung von der zentralen Regierung zu den Regionsregierungen ergeben.
Seit dem Föderalisierungsgesetz von 1980 bestehen in Belgien drei Regionen (Flandern, Wallonien und die Hauptstadtregion Brüssel), drei Gemeinschaften (die flämisch-, französisch- und deutschsprachige) und vier Sprachgebiete. Die Regionen haben eigene Parlamente, die für das Bildungs- und Gesundheitswesen sowie für Bereiche wie Raumordnung, Umwelt, Naturschutz etc. zuständig sind. Darüber hinaus ist Belgien in neun Provinzen (Antwerpen, Brabant, Ostflandern, Hennegau, Lüttich, Limburg, Luxemburg, Namur und Westflandern) sowie 589 Gemeinden gegliedert. Die einzelnen Provinzen haben einen eigenen Provinziallandtag (Provinzrat) mit 50 bis 90 direkt gewählten Mitgliedern. Jede Gemeinde hat einen Bürgermeister, der vom König ernannt wird. Der Gemeinderat wird für sechs Jahre gewählt. Die Gemeindeverwaltungen haben auf allen Ebenen relativ große Entscheidungsfreiheit.
Aus den ursprünglich flämischen und wallonischen Flügeln der drei großen Parteien sind in den siebziger Jahren selbständige Parteien hervorgegangen. Die wichtigsten sind die beiden christdemokratischen Parteien Christlijke Volkspartij (CVP) und Parti Social Chrétien (PSC), die beiden sozialistischen Parteien Socialistische Partij (SP) und Parti Socialiste (PS) sowie die beiden liberalen Parteien Vlaamse Liberalen en Demokraten (VLD) und Parti Réformateur Libéral-Front Démocratique des Bruxellois Francophones (PRL-FDF). Weitere Parteien sind der Vlaams Blok (VB), die flämische Volksunie (VU), der Rassemblement Wallon und zahlreiche kleinere Parteien wie etwa die flämischen und die wallonischen Grünen (Anders Gaan Leven bzw. Ecolo).
Belgien ist Gründungsmitglied der NATO (North Atlantic Treaty Organization: Nordatlantikpakt), deren Hauptquartier in Brüssel ist. Es besteht keine Wehrpflicht. Militärische Ausbildung und Ausrüstung werden entsprechend einem Abkommen von 1948 mit den Niederlanden abgestimmt. 1994 wurde beim Militär aus Kostengründen eine Stellenkürzung von über 80 000 Stellen auf etwa 40 000 vorgenommen.
In Belgien sind vor allem die Wirtschaftssektoren Industrie und Dienstleistungen gut entwickelt. Während nur 2 Prozent der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft arbeiten, sind 25 Prozent in der Industrie und 68 Prozent in Dienstleistungsunternehmen beschäftigt. Mehr als zwei Drittel aller Arbeitnehmer sind in drei Gewerkschaftsverbänden organisiert, dem Arbeiterverband (Fédération Générale du Travail de Belgique), dem Verband christlicher Gewerkschaften (Confédération des Syndicats Chrétiens) und dem Verband liberaler Gewerkschaften.
Belgien importiert große Mengen an Rohstoffen, die dann zu Produkten verarbeitet werden, die schließlich wieder in den Export gehen – die Wirtschaft des Landes ist stark exportorientiert. Der Großteil der Industrie, einschließlich der Stahl-, Kohle-, Erdöl- sowie chemischen Industrie, wird von sechs Großunternehmen kontrolliert.
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) beträgt 245 395 Millionen US-Dollar (2002). Davon wurden 71,8 Prozent im Dienstleistungssektor, 26,9 Prozent in der Industrie und nur 1,3 Prozent in der Landwirtschaft erzielt. Das BIP pro Kopf beläuft sich auf umgerechnet 23 750 US-Dollar.
Der Agrarsektor ist überwiegend kleinbetrieblich strukturiert und deckt etwa 60 Prozent des gesamten Nahrungsmittelbedarfs Belgiens. Circa 45 Prozent der Fläche des Landes werden für den Anbau von Feldfrüchten oder zur Viehhaltung verwendet. Hauptanbauprodukte sind Zuckerrüben, Kartoffeln, Weizen und Gerste, daneben Obst, Tomaten, Hopfen, Tabak und Flachs. Darüber hinaus sind auch Viehzucht und Milchproduktion von großer Bedeutung. Belgien produziert etwa 95 Prozent seines Fleischbedarfs selbst und ist weitgehend unabhängig von Butter-, Eier- und Milchimporten.
Etwa ein Fünftel der Fläche Belgiens ist von Wäldern bedeckt, die vor allem als Erholungsgebiete genutzt werden. In den letzten Jahren wurden im Rahmen von Aufforstungsmaßnahmen ausgedehnte Nadelwälder angelegt. Das für die Papierindustrie benötigte Holz wird importiert.
Der größte Fischereihafen Belgiens ist Ostende. Die belgischen Fischer finden vor allem im Nordatlantik reiche Fischgründe. Gefangen werden hauptsächlich Heringe, Seezungen, Schollen, Kabeljaue, Sprotten und Garnelen.
Die Reserven an Belgiens einzig bedeutendem Rohstoff, der Kohle, sind bereits zum größten Teil ausgebeutet. Die Kohleförderung ging bereits im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts drastisch zurück. Dazu ein kurzer Einblick: 1986 wurden noch 5,6 Millionen Tonnen Kohle abgebaut, 1991 waren es nur noch 634 000 Tonnen und 1992 nur noch 278 000 Tonnen. Viele Kohlebergwerke besonders in den südlichen Bergbauregionen um Mons, Charleroi, Lüttich und Namur wurden geschlossen. Unter diesem Umstand litten vor allem die wallonischen Industriegebiete. Ein Teil der heute benötigten Kohle wird im Campine-Becken im Norden des Landes gefördert. Ihren Hauptbedarf an Kohle deckt Belgiens Industrie durch Importe. Von geringerer wirtschaftlicher Bedeutung ist der Abbau von Zink, Blei, Kupfer und Mangan.
Belgiens bedeutendster Wirtschaftszweig ist die verarbeitende Industrie. Vor allem mit der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft im Jahr 1957 und der Einführung eines Regierungsprogramms zur Förderung von Investitionen erlebte die belgische Industrie einen enormen Aufschwung.
Wichtige Stützpfeiler der belgischen Industrie bilden die Eisen- und Stahlindustrie, Metallverarbeitung, der Maschinen- und Fahrzeugbau, die chemische und petrochemische sowie pharmazeutische Industrie. Ebenfalls große Bedeutung kommen der Glas- und Papierindustrie, der Nahrungs- und Genussmittelindustrie sowie der Textilindustrie zu.
Die Hauptstandorte der belgischen Textilindustrie konzentrieren sich vor allem auf die Ballungsräume von Brügge, Brüssel, Gent und Lüttich sowie auf die Städte Limburg, Kortrijk (französisch Courtrai) und Mechelen. Saint-Nicholas ist ein Zentrum der Teppichindustrie.
Der in Antwerpen konzentrierten Verarbeitung von Diamanten, insbesondere der Produktion von geschliffenen Industriediamanten, kommt weltweit ein hoher Stellenwert zu.
Belgien deckt 59,28 Prozent seines Energiebedarfs mit Atomkraft, 38,35 Prozent werden aus fossilen Energieträgern gewonnen, die Anteile regenerativer Energiequellen sind sehr gering. Im Januar 2003 beschloss das Parlament den Ausstieg des Landes aus der Kernenergie bis zum Jahr 2025, der erste Reaktor soll bis 2015 abgeschaltet werden.
Währungseinheit ist seit dem 1. Januar 2002 der Euro zu 100 Cents, der den Belgischen Franc (= 100 Centimes) als Währung ablöste. Die Nationalbank von Belgien (Banque Nationale de Belgique) ist das oberste Organ des belgischen Bankensystems. Sie wurde 1850 gegründet und gibt die Banknoten in Belgien aus.
Der Außenhandel Belgiens erfolgt über die Handelsunion mit Luxemburg (BLEU), die 1921 gegründet wurde. Bis 1990 arbeitete diese Handelsunion mit einem doppelten Wechselkurs. Der Belgische Franc war in Luxemburg anerkanntes Zahlungsmittel. 1948 schlossen sich Belgien, Luxemburg und die Niederlande zu einer Zollunion zusammen. 1958 wurde die Wirtschaftsunion durch einen Staatsvertrag vollzogen. 1960 folgte die Ratifizierung dieses Vertrages durch die Gründung der „Union Economique Benelux” (Benelux-Vertrag). Der ratifizierte Vertrag beinhaltet die vollständige Liberalisierung des Waren- und Kapitalverkehrs und den Austausch von Arbeitskräften zwischen den drei Ländern.
Wichtige Importprodukte sind u. a. Maschinen und Fahrzeuge, Transportanlagen, lebende Tiere, chemische Erzeugnisse, elektrische Geräte, Schmuck, Textilprodukte und Nahrungsmittel. Exportiert werden beispielsweise Eisen- und Stahlwaren, Textilien, chemische Produkte, Maschinen- und Transportanlagen, Nahrungsmittel und Vieh sowie geschliffene Diamanten. Deutschland, Frankreich, die Niederlande, Großbritannien, Italien und die USA sind die wichtigsten Handelspartner. 1951 wurde Belgien Mitglied in der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS), sechs Jahre später war Belgien Gründungsmitglied der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und der Europäischen Atomgemeinschaft (EURATOM).
Der Hauptzugang Belgiens zum Meer erfolgt über die in den Niederlanden liegenden Mündungen von Schelde und Maas. Antwerpen liegt zwar etwa 85 Kilometer vom Meer entfernt, ist aber einer der größten Seehäfen Europas (weitere Seehäfen sind in Zeebrügge und Ostende). Die belgischen Flüsse sind über ein gut ausgebautes Kanalnetz miteinander verbunden (Albertkanal, Charleroi-Brüssel-Kanal und Brüssel-Rupel-Kanal). Die Gesamtlänge der Kanäle und schiffbaren Flüsse beträgt etwa 1 600 Kilometer. Das Straßennetz umfasst 149 028 Kilometer (2001). Mit einer Länge von 3 471 Kilometern (2000) hat Belgien ein überaus dichtes Schienennetz. Die belgische Eisenbahn ist ein staatlich geführtes Unternehmen. Die nationale Fluggesellschaft Sabena fliegt weltweit zahlreiche bedeutende Großstädte an.
Zu den bevorzugten Zielen des Fremdenverkehrs gehören neben der Hauptstadt Brüssel weitere historisch bedeutende Städte wie etwa Antwerpen, Gent und Brügge. Während in den Ardennen ausgezeichnete Möglichkeiten für Wanderungen bestehen, ist der Badetourismus an der Küste vor allem in den Seebädern Ostende, Knokke und Zeebrügge gut entwickelt.
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