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Estland (estnisch Eesti), Republik in Nordosteuropa, die im Norden an den Finnischen Meerbusen, im Osten an Russland, im Süden an Lettland und im Westen an die Ostsee grenzt. Zu Estland gehören über 1 500 Inseln. Die beiden größten, Ösel (estnisch Saaremaa) und Dagö (estnisch Hiiumaa), trennen den Rigaischen Meerbusen von der Ostsee. Die Landfläche beträgt 45 227 Quadratkilometer. Die Hauptstadt Reval (estnisch Tallinn) ist die größte Stadt des Landes und gleichzeitig wichtigste Hafenstadt.
Estland liegt im Nordwesten der Osteuropäischen Tiefebene. Die Landschaft ist überwiegend flachwellig, die Höhenunterschiede sind gering. Die mit nur 318 Metern höchste Erhebung der Republik ist der Munamägi im Südosten des Landes. Mehr als 20 Prozent des Festlandes werden von Marschland eingenommen. Die rund 800 Inseln machen etwa 10 Prozent der Fläche aus. Seen bedecken weitere 5 Prozent der Landesfläche. Die beiden größten Seen sind der auch nach Russland hineinreichende Peipussee und der Wirzsee (Wirzjärv) in der südlichen Landesmitte. Estland wird weitgehend von eiszeitlichen Ablagerungen bedeckt. Die überwiegend in Nord-Süd-Richtung verlaufenden, lang gestreckten Moränen sind ebenso wie zahlreiche Felsblöcke Zeugnisse der eiszeitlichen Vergletscherung. Die Küste des Festlandes hat eine Länge von circa 3 794 Kilometern.
Das Land liegt in der kühlgemäßigten Klimazone. Durch die Nähe zum Meer unterliegt das Klima maritimen Einflüssen, so dass die Winter relativ mild, die Sommer warm sind. Die Jahresmitteltemperatur der Hauptstadt Reval liegt bei 5,2 °C. Zum Landesinneren steigt der kontinentale Charakter des Klimas, und die Schwankungen der Temperatur im Jahresverlauf werden größer. Die mittleren Jahresniederschläge liegen in Estland zwischen 500 und 700 Millimetern.
Gut ein Viertel des Landes ist mit Wald bedeckt, der hauptsächlich aus Kiefern, Birken, Espen und Tannen besteht. An feuchteren Standorten treten verbreitet Bruchwälder mit Schwarzerlen und Moorbirken als dominierenden Baumarten auf. Zur Säugetierfauna gehören die Großraubtiere Braunbär, Wolf und Luchs sowie die Paarhufer Elch, Reh, Rothirsch und Wildschwein. Mit 213 Spezies präsentiert sich die Vogelwelt sehr artenreich. Auffallende Großvögel sind Weiß- und Schwarzstorch, Kranich, Auerhuhn und Adler (See-, Stein- und Schreiadler). An der Küste des Finnischen Meerbusens wurde der rund 85 000 Hektar große Nationalpark Lahemaa eingerichtet.
Estland hat etwa 1,40 Millionen Einwohner (2004) und damit die niedrigste Bevölkerungszahl aller ehemaligen Republiken der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken. Die Bevölkerungsdichte beträgt 31 Einwohner pro Quadratkilometer. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 70,6 Jahren (2004). Im Jahr 2004 betrug die Wachstumsrate der Bevölkerung -0,45 Prozent. Rund 65 Prozent der Bevölkerung sind Esten. Die Russen stellen mit 29 Prozent der Gesamtbevölkerung die größte Minderheit dar; weitere ethnische Gruppen sind die Ukrainer (3 Prozent), Weißrussen (2 Prozent), Finnen, Juden und Letten. Vor der Annexion durch die Sowjetunion 1940 waren nur 8,5 Prozent der Gesamtbevölkerung Russen; sie kamen während der Herrschaft von Stalin während einer Periode groß angelegter Industrialisierung und Umsiedlung nach dem 2. Weltkrieg nach Estland. Die Mehrzahl der in Estland lebenden Russen arbeitet im industriellen Sektor.
1992 wurden Gesetze erlassen, die das Erlangen der estnischen Staatsbürgerschaft erschwerten. Gemäß dieser Gesetze, die auf einem Gesetz von 1939 aufbauen, erhalten Einwohner, die vor 1940 im Land lebten und ihre Nachkommen automatisch die Staatsbürgerschaft ohne Berücksichtigung der Volksgruppe, der sie angehören. Alle anderen Einwohner müssen einen zweijährigen Aufenthalt vorweisen und eine Prüfung in Estnisch ablegen. Ehemalige Mitglieder des sowjetischen Sicherheitsapparates können die Staatsbürgerschaft nicht erhalten und somit auch nicht an den Parlamentswahlen teilnehmen. Nachdem das Gesetz über die Sprache verabschiedet worden war, übte die russische Regierung Kritik an angeblichen Menschenrechtsverletzungen gegenüber den in Estland lebenden Russen. Eine von der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) unterstützte Delegation wies die Diskriminierungsvorwürfe jedoch zurück, nachdem sie der Republik 1993 einen Besuch abgestattet hatte.
Rund 69 Prozent der Bevölkerung leben in städtischen Siedlungen; knapp ein Drittel der Gesamtbevölkerung wohnt in Reval (Tallinn). Die Stadt hat etwa 397 000 Einwohner (2003); weitere bedeutende Städte sind Dorpat (Tartu; 101 000 Einwohner) und Pernau (Pärnu; 44 800 Einwohner). Die Russen leben insbesondere in den im östlichen Teil des Landes liegenden Städten; die im Nordosten gelegene Stadt Narva mit etwa 67 800 Einwohnern ist fast ausschließlich von Russen bewohnt. Die Beziehungen zwischen Estland und Russland sind wegen des ungeklärten Grenzverlaufs der Ostgrenze Estlands weiterhin angespannt.
Amtssprache ist das Estnische, eine finnougrische Sprache, die mit dem Finnischen eng verwandt ist und auf dem lateinischen Alphabet basiert. Während der sowjetischen Ära waren die meisten Esten gezwungen, Russisch zu lernen, aber viele Russen in Estland sprechen kein Estnisch. Rund 60 Prozent der Bevölkerung bekennen sich zum Luthertum, der traditionellen estnischen Kirche. Darüber hinaus werden auch andere christliche Religionen in Estland praktiziert; die Russen sind überwiegend russisch-orthodox. Da die Religionsausübung während der Sowjetzeit verboten war, hat die Kirche heute in Staat und Gesellschaft keinen großen Einfluss.
Neben den üblichen christlichen werden in Estland auch noch landeseigene Feiertage begangen. Da die Winter in Estland sehr schneereich sind, gibt es einen so genannten Schlittenfeiertag, den Vastlapäev. An diesem Tag werden bestimmte Gerichte zubereitet, und die Esten hoffen auf eine lange Schlittenfahrt, die eine gute Ernte im Herbst vorhersagen soll. Estland hat gleich zwei Gründe, seine Unabhängigkeit zu feiern. Am 24. Februar 1918 wurde Estland als souveräne Republik ausgerufen. Am 20. August 1991 konnte die staatliche Unabhängigkeit Estlands von der Sowjetunion wieder hergestellt werden. Das erste Datum wird auch heute noch mit sehr viel größeren Feierlichkeiten begangen. Im Juni erinnern zwei Feiertage an historische Ereignisse: Am 14. Juni wird der Esten gedacht, die unter Stalin 1949 nach Sibirien deportiert wurden, und der 23. Juni ist der Tag des Sieges von Võnnu. Jaanipäev (Mittsommernacht) wird am 24. Juni gefeiert. Mit den Feiern, die reich an Bedeutung und Ritualen sind, wird der Beginn der so genannten „Weißen Nächte” eingeläutet, in denen die Sonne nachts nur für wenige Stunden untergeht.
Die medizinische Versorgung der Bevölkerung ist in den Städten ausreichend; auf dem Land herrschen in einigen Regionen jedoch Mangel an medizinischem Personal und Engpässe bei der Ausstattung mit Medikamenten. Durchschnittlich steht ein Arzt für 251 Einwohner zur Verfügung. Die Arbeitslosenquote liegt bei 12,6 Prozent (2001).
Die heutige Republik Estland ist Nachfolger der unabhängigen, gleichnamigen Republik, die vor der Annexion durch die Sowjetunion von 1918 bis 1940 bestand. Gemäß der neuen Verfassung, die 1992 durch eine Volksabstimmung bestätigt wurde, ist Estland eine parlamentarische Republik. Staatsoberhaupt ist der Präsident, der für fünf Jahre durch das Parlament gewählt wird und mit eingeschränkter Exekutivgewalt ausgestattet ist. Die Legislative liegt beim Riigikogu (Reichstag), einem Einkammerparlament mit 101 Abgeordneten, die in Direktwahl auf vier Jahre gewählt werden, falls ihre Partei über 5 Prozent aller abgegebenen Stimmen erhält. Alle estnischen Staatsbürger ab dem 18. Lebensjahr besitzen Wahlrecht. Die Regierungsgeschäfte werden vom Ministerrat unter der Leitung des Ministerpräsidenten geführt. Estland gehört, im Gegensatz zu fast allen anderen ehemaligen Sowjetrepubliken, nicht der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) an.
Die wichtigsten Parteien sind die Zentrumspartei, die im März 2002 gegründete Vereinigung Republik Estland (Res Publica), die Estnische Reformpartei, die Estnische Bürgerunion, die konservative Vaterlandsunion und die sozialdemokratische Moderate Partei.
Estland wird verwaltungsmäßig in 15 Regionen und sechs Stadtbezirke gegliedert. Nationalfeiertag ist der 24. Februar, der an die Erklärung der Unabhängigkeit im Jahr 1918 erinnert.
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) beträgt 6 507 Millionen US-Dollar (2002; Dienstleistungen 64,7 Prozent, Industrie 29,8 Prozent, Landwirtschaft 5,5 Prozent); dieser Wert ergibt ein BIP pro Einwohner von 4 790 US-Dollar. Von den Erwerbstätigen sind 7 Prozent in der Landwirtschaft beschäftigt, 33 Prozent in der Industrie und 60 Prozent im Dienstleistungssektor (2001). Die Staatsverschuldung beträgt 309 Millionen US-Dollar. Die Inflationsrate liegt bei 40,25 Prozent (1990–2002), das Wirtschaftswachstum bei 0,95 Prozent (1990–2002). Wichtigster Produktionsstandort ist die Hauptstadt Reval. Der Maschinenbau und die Metallverarbeitung sind die wichtigsten Zweige des produzierenden Gewerbes, gefolgt vom Schieferbergbau. Die Ölschiefer verarbeitende Industrie erzeugt künstliche Gase und chemische Produkte. Zu den weiteren Erzeugnissen zählen Zement, Textilien (Baumwolle, Leinen und Wolle), Autoteile und Lederwaren. Die ausgedehnten Waldgebiete Estlands bilden die Basis für die Forstwirtschaft. Sie stellt die Rohstoffe für die Möbelindustrie sowie für die Herstellung und Weiterverarbeitung von Papier, Holz und Sperrholz zur Verfügung.
Die Industrieproduktion ist in hohem Maße von wenigen Großunternehmen abhängig, die überwiegend im Norden des Landes ansässig sind. Ein Fünftel aller Betriebe erwirtschaftet 75 Prozent der gesamten industriellen Produktion. Der Wegfall alter Handelsverbindungen mit den ehemaligen Sowjetrepubliken führte 1992 zu einem starken Produktionsrückgang. Die wichtigsten Zweige der Landwirtschaft sind Milchwirtschaft und Viehzucht. Die Hauptanbauprodukte sind Hafer, Kartoffeln und Flachs. 16 Prozent der Gesamtfläche werden als Ackerland genutzt (2001).
Estland gab als erste ehemalige Sowjetrepublik eine eigene Währung heraus, die Kroon (Estnische Krone = 100 Senti), die seit 1992 in Umlauf ist. In der Folgezeit sanken die früher horrenden Inflationsraten drastisch. Ursache für die hohen Inflationsraten war der Nachholbedarf, den das Land in Bezug auf Güter und Dienstleistungen hatte. Estland ging das Ziel des Aufbaus einer Marktwirtschaft nach westlichem Vorbild mit hohem Tempo an. Bis auf wenige Großbetriebe ist die Privatisierung ehemals staatlicher Betriebe abgeschlossen. Da die eigene Produktion aber nicht ausreichte, musste ein Großteil der benötigten Waren und Dienstleistungen importiert werden.
Seit seiner Unabhängigkeit machte Estland beim Ausbau der Handelsbeziehungen mit dem Westen beachtliche Fortschritte. 1991 wickelte es noch über 90 Prozent seines Handels mit der ehemaligen Sowjetunion und deren Satellitenstaaten ab. 1994 machte der Handel mit den Ländern der Europäischen Union (vor allem Finnland, Schweden und Deutschland) bereits 60 Prozent des Handelsvolumens aus. Exportiert werden vor allem Textilien und Bekleidung, Nahrungsmittel und chemische Erzeugnisse; wichtigste Importprodukte sind Maschinen und Rohstoffe.
Estland deckt seinen Energiebedarf zu über 95 Prozent aus fossilen Brennstoffen. Der Betrieb von Wärmekraftwerken mit Ölschiefer führt allerdings zu starken Luftverschmutzungen und saurem Regen.
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